
Gestern waren es genau 18 Jahre
her, seit wir in Kanada als Einwanderer gelandet
sind. Manchmal scheint es mir, das sei doch gar nicht möglich, so
lebendig sind die Erinnerungen an manche Erlebnisse aus den
Anfangszeiten noch. Aber wenn ich dieses Bild anschaue und mir bewusst
werde, dass die beiden kleinen Buben darauf heute Männer sind, so muss
es schon eine ganze Weile her sein, seit dieses Bild mit meinen drei
Kanadafarmern entstanden ist.
Ich werde ab und zu gefragt, warum wir denn eigentlich damals
ausgewandert seien, die Schweiz sei doch so ein schönes und reiches
Land. Ja, schön ist es da, und dort, wo wir wohnten, ganz besonders.
Aber wir hatten keinen eigenen Hof, nur eine kleine Pacht. Und die war
sehr unsicher, jedes Jahr stieg der Pachtzins und der Verpächter
drohte, uns zu künden. Das neue Pachtgesetz, das den Pächter besser
schützt, trat erst nach unserer Auswanderung in Kraft. Auch reichte
der
Verdienst auf diesem kleinen Hof nirgends hin, und so ging der Bauer
Lastwagen und Taxi fahren, betrieb Viehhandel, und wir fingen auch an,
mit Antiquitäten zu handeln. Dazwischen machte ich Stellvertretungen
in
meinem gelernten Beruf als Lehrerin und die beiden kleinen Buben waren
meist bei der Grossmutter. Der Bauer hatte schon jahrelang von Weite
und Freiheit geträumt, Australien, Neuseeland oder Kanada. Bereits
1981
flog er mit seinem Bruder für eine Woche nach Ostkanada, und kam ganz
begeistert zurück. Doch aus finanziellen und familiären Gründen war es
damals für uns noch zu früh für diesen Schritt. Doch 1986 machten wir
unsere verspätete Hochzeitsreise, wie wir das nannten, wiederum nach
Québec und Ontario, und dort wurde es für uns klar, dass wir unsere
neue Heimat gefunden hatten. Wir besichtigten fast 50 zum Verkauf
stehende Farmen, machten auch ein Kaufgebot auf eine davon, doch kam
es
nicht zum Vertragsabschluss. So machten wir im Frühjahr 1987 eine
zweite Reise, und da fanden wir bald die Farm, auf der wir heute noch
leben. Es war ein hektischer Sommer, der folgte, in dem wir das
Einwanderungsvisum für uns vier besorgen, unsere Habe in der Schweiz
zum grössten Teil liquidieren, alles übrige regeln und abschliessen
mussten. Der Abschied fiel uns eigentlich nicht sehr schwer, denn wir
freuten uns sehr auf unser neues Leben. Für die zurückbleibenden
Angehörigen war es weniger einfach, aber sie haben uns alle mit guten
Wünschen ziehen lassen, als wir am 2. November 1987 in Zürich das
Flugzeug bestiegen.
Und nun sind wir hier angewachsen und zu
Hause. Natürlich werden wir unsere Schweizer Wurzeln nie
vergessen oder verleugnen, wir haben mit unsern Kindern auch immer
Schweizedeutsch gesprochen. Aber wir fühlen uns doch als Kanadier und
haben auch die hiesige Staatsbürgerschaft angenommen - als Schweizer
können wir ja Doppelbürger bleiben. Nein, wir haben unserne Schritt
nicht bereut!